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29. September 2020

Auf den Schultern der Frauen*, auf dem Rücken von Migrantinnen* / COVID als Verstärker

Stralsund. 29.September 2020. Am Vormittag des 29.09.2020 werden die Auswirkungen der Pandemie auf die Teilhabe von geflüchteten und migrierten Frauen* im Stralsunder Rathaus lebhaft diskutiert.
Im Rahmen der Interkulturellen Woche 2020 organisiert DaMigra e.V. in Kooperation mit Anja Schmuck, Migrations- und Integrationsbeauftragten der Hansestadt Stralsund, die Podiumsdiskussion unter dem Motto “Zusammen leben, zusammen wachsen in der Corona-Pandemie”.
In der Diskussion mit Vertreter*innen und Expert*innen aus Politik und Zivilgesellschaft und im anschließenden Gespräch mit geflüchteten und migrierten Frauen wurde schnell deutlich:
Die COVID-Pandemie verstärkt. Sie verstärkt strukturelle Defizite. Sie verstärkt politische Gegenwehr. Sie verstärkt gesetzliche Diskriminierung. Sie verstärkt prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Sie verstärkt Vulnerabilität. Doch vor allem verstärkt sie die Barrieren zur Teilhabe für geflüchtete* und migrierte Frauen*.

Dr. Soraya Moket, stellvertretende Geschäftsführerin von DaMigra e.V. konkretisiert diese Effekte:
“Zu Hause sein ist ein Privileg und viele konnten das nicht. In Gemeinschaftsunterkünften gab es keine Schutzmaßnahmen vor steigender Gewalt in dieser Zeit. DaMigras Befragungen an diesen Orten hat ergeben, dass vor allem online Aufklärung zu Rechten, Informationen über Beratungsstellen an welche die Frauen* sich wenden können und Maßnahmen gegen Isolation dringend notwendig sind. […] Angesichts der der gegenwärtigen Situation und dem damit verbundenen Bedarf stehen viele Mitgliederorganisationen jedoch unter finanziellem Druck und Herausforderungen. Hier sehe ich vor allem die Landesregierung in der Verantwortung Unterstützung zu leisten.“

Dr. Rubén Cárdenas Carbajal, Geschäftsführer von MigraNet e.V., führt weiter aus:
„Die Mitgliederorganisationen mussten sich umstrukturieren, online Veranstaltungen durchführen, also ihre Aktivitäten an die neuen Gegebenheiten anpassen, während fehlende Einnahmen Sorge bereiteten. Neben der gegenseitigen Unterstützung der Mitgliederorganisationen und Mut neue, kreative Wege zu beschreiten, brauchen wir aber mehr finanzielle Unterstützung beispielsweise für Hardware wie Computer, um die Angebote auch erfolgreich online anbieten zu können.“

Ein gelungenes Beispiel neue Bedürfnisse online zu decken bietet Martina Becka, Vertreterin von tutmonde e.V.:
“Am Anfang von COVID 19 haben wir den Hausaufgabenunterricht für Kinder von Migrantinnen* per Skype organisiert, gerade weil die Hauptlast zu dieser Zeit auf dem Rücken der Frauen lag. Auch deutsche Frauen beschwerten sich über die schlechte Unterstützung der Schulen.”
Doch nicht nur hier werden Unsicherheiten verstärkt. Sprachbarrieren im Allgemeinen erschweren es geflüchteten und migrierten Frauen* die Pandemiemaßnahmen sicher zu navigieren. Die Stadt Stralsund versuchte dem entgegenzuwirken und stellte entsprechende online Informationsangebote bereit.

“In der Coronazeit herrscht viel Angst und Unsicherheit. Die Stadt Stralsund hat reagiert und gleich eine Internetseite mit Informationen zum Coronavirus eingerichtet. Nur Tage später auch mehrsprachig. Hierbei ist Englisch die Hauptsprache, aber Links führen dann auch zu anderen Sprachen. Dies soll zur Aufklärung beitragen und die Angst nehmen.” erläutert Anja Schmuck.

Doch die Pandemie verstärkt auch bereits bestehende Unsichtbarkeiten:
“Für Ärzte wurde in der Pandemiezeit von den Balkonen geklatscht, leider aber nicht für die hauptsächlich migrantischen Pflegekräfte und noch weniger für die Reinigungskräfte.” betont Ulrike Seemann-Katz, ehrenamtliche Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats Mecklenburg-Vorpommern e.V. und führt weiter aus: „Corona betrifft von Wohnen, Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, Bildung über Aufenthalt, Visa und Asylverfahren und vieles mehr, alle Lebensbereiche von Geflüchteten und Migrant*innen. Das deutsche Ausländerrecht ist schon im Grundsatz rassistisch, weil es die Menschen in ein „Wir“ und „die anderen“ unterteilt und entsprechend unterschiedliche Rechte zubilligt. Dies tritt unter Corona noch deutlicher zutage.“.

Reem Alabali-Radovan, Integrationsbeauftragte der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern hingegen sieht einen kleinen Hoffnungsschimmer:
“Fast ¼ von Migrantinnen* arbeiten in systemrelevanten Berufen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse herrschen überproportional vor, dennoch haben wir durch Corona keinen großen Anstieg der Arbeitslosigkeit, da sie in eben jenen Berufen tätig sind. Es gibt noch sehr viel Arbeit in der Berufswelt. Die Arbeit der Migrantinnen* wurde nicht ausreichend anerkannt. Beispielsweise die Saisonarbeit wurde lange nicht thematisiert. Aber durch Corona wurde erstmalig ein Fokus auf diesen Bereich in die Medien gelegt.”

In diesem Sinne können wir durch Corona-Pandemie vielleicht doch zusammen wachsen. Krisen haben das Potential positive Veränderungen nach sich zu ziehen, weil sie Probleme offenbaren und strukturelle Defizite sichtbar machen. Doch nur wenn wir auch darüber sprechen und Probleme von politischen Entscheidungsträgern aufgegriffen werden, können wir diese Chancen nutzen.
Die Podiumsdiskussion von DaMigra e.V. versucht selbst ein Beispiel gelebter Teilhabe zu sein: Geflüchtete und migrantische Frauen* werden vor der Veranstaltung in ihrer Vorbereitung unterstützt, um Sprachbarrieren und Unsicherheiten abzubauen. So können die Frauen* anschließend gleichberechtigt an der offenen Fragerunde teilnehmen und ihre Standpunkte selbstbewusst vertreten.

Wer ist DaMigra? DaMigra e.V., Dachverband der Migrantinnen*organisationen ist die Interessenvertretung von Migrantinnnen*selbstorganisationen und ihren Belangen. Mit bundesweit über 70 Mitgliedsorganisationen aus unterschiedlichen Herkunftsländern steht der Verband als Ansprechpartnerin für Politik, Wirtschaft und Medien zur Verfügung, bietet Handlungsempfehlungen und kritische Begleitung von migrationspolitischen Prozessen. DaMigra e.V. setzt sich für Chancengerechtigkeit, Gleichberechtigung und für die Gleichstellung von Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte in Deutschland ein. In Mecklenburg-Vorpommern ist DaMigra mit ihrem Projekt MUT-Macherinnen* vertreten.

 

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