8. Februar 2020

Internationaler Tag: Null-Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung

Veranstaltungsbericht: Ein Austausch zwischen Betroffenen und Beschäftigten im Gesundheits- und Beratungswesen

Hannover, 06.02.2020. Genitalverstümmelungen an Frauen* und Mädchen* sind eine massive Menschenrechtverletzung! Anlässlich des 6. Februar, dem internationalen Tag gegen Genitalbeschneidung, veranstaltete der Dachverband der Migrantinnen*organisationen (DaMigra e.V.) ein Fachgespräch zwischen betroffenen Frauen*, Beratungsstellen, Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen und Behörden.

Weltweit leiden über 200 Millionen Mädchen* und Frauen* unter Genitalverstümmelungen. Eine Gewalttat, die trotz der strafrechtlichen Verfolgung seit 2013, auch in Deutschland nach wie vor präsent ist. Innerhalb der letzten drei Jahre ist die Anzahl der betroffenen Frauen* hierzulande um 44% gestiegen. In der Bundesrepublik leben schätzungsweise rund 70.000 Frauen*, die diese Gewalttat erleben mussten. Weitere 17.500 Mädchen* gelten als gefährdet.

DaMigra steht für eine Null Toleranz gegenüber FGM. In Kooperation mit der Betroffenenselbstorganisation Mein Körper gehört mir e.V., der Beratungsstelle Integrationslotsen Cloppenburg e.V. und kargah e.V. veranstaltete DaMigra anlässlich des internationalen Tages zum Thema eine Veranstaltung. Betroffene berichteten über ihre Erfahrungen mit deutschen Beratungsstellen, Gesundheitswesen und Behörden und traten anschließend in einen Dialog mit Vertreter*innen derselben.

Mona Habib Allah und May Ahatta vom Verein Mein Körper gehört mir e.V. führten in einem kurzen Inputvortrag in die Thematik ein. Mona Habib Allah betonte, dass es mittlerweile gute Vorschläge für die Unterstützung von Betroffenen gäbe. Die in vereinzelten Städten gut funktionierenden spezialisierten Beratungsstellen und Gesundheitszentren müssten jedoch flächendeckend ausgebaut werden. Die Sensibilisierung von Fachkräften müsste Teil des Ausbildungsprozesses sein. Im Bereich der Präventionsarbeit sei noch ein großer Verbesserungsbedarf.

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. und Mitglied der Kammerversammlung der Ärztekammer, vermerkte, dass das Thema FGM in den letzten Jahren in Fachkreisen an Bedeutung gewonnen habe und alles Menschenmögliche getan werden müsse, um die Mediziner*innen aufzuklären. Die 2016 von der Bundesärztekammer herausgebrachten Empfehlungen zum Umgang mit Patientinnen nach weiblicher Genitalverstümmelung und die Eröffnung zweier spezialisierter Kliniken in Deutschland sind ein erster Schritt gewesen, die Sensibilisierung muss dennoch weiter ausgebaut werden. Das Kompetenzzentrum für Frauen und Mädchen bei Genitalverstümmelung (SAIDA) in Leipzig sei Beispiel gebend für die ganze Republik.

Frauke Baller, Psychotherapeutin und Mitglied des runden Tisches, stellt klar, dass durch die Verkopplung von FGM mit der vermeintlichen Heiratsfähigkeit der Frauen* die Frage nach deren ökonomischer Sicherheit, Existenzsicherung und Gleichwertigkeit aufgeworfen wird. Die Förderung von Gleichberechtigung und der ökonomischen Unabhängigkeit migrierter Frauen* in Deutschland sei daher ein wichtiger Teil der Ursachenbekämpfung und könne eine Strahlkraft in die Herkunftsländer entwickeln und FGM präventiv begegnen. Frau Baller wünscht sich mehr Verantwortungsübernahme bei Fachpersonal im Gesundheitssektor wie Gynäkolog*innen, Hebammen, Psycholog*innen, zum Beispiel in Form von Weiterbildungen und sieht einen großen Bedarf an professionellen, sensibilisierten Dolmetscher*innen. Dabei sollte auf Vernetzung und Kooperation gesetzt werden.

Uta Engelhardt, Landesgeschäftsführerin von pro familia Niedersachsen e. V. unterstützte die Selbstorganisation der Community, die Teil der Beratungsangebote von pro familia, gerade im ländlichen Raum seien. Zugleich stellte sie fest, dass eine wirksame Präventions- und Unterstützungsarbeit der betroffenen Frauen einer überregionalen, flächendeckenden Vernetzung aller relevanten Akteure bedarf. Die Sensibilisierung und Fortbildung von Fachkräften des medizinischen und sozialpädagogischen Bereichs sei eine ressourcenintensive Aufgabe, die auch eine umgehende Bereitstellung von Geldern seitens der Politik erfordert.

Eine Akteurin* von Mein Körper gehört mir e.V. betont, dass die Selbstorganisation der Betroffenen nicht auf die Unterstützung aus der Politik warten dürfe, sondern sofort handeln müsse, denn jeder Fall von FGM sei einer zu viel. Diese Schutzräume seien unverzichtbar, denn sie fördern die Selbsthilfe überlebender Frauen* und unterstützen dabei, ihre eigene Stimme zu finden und zu erheben.

Mina Amiry, Geschäftsführerin der Integrationslotsen Cloppenburg e.V., merkt an, dass die langjährigen Verfahren und wenig sensiblen Anhörungsverfahren im Rahmen der Anerkennung von FGM als Asylgrund zu einer Retraumatisierung führen können. Auch bei gesundheitlichen Fragen müssten die Wege kürzer werden und Überweisungen schneller funktionieren.
Abschließend wünschten sich alle Beteiligten ein Weiterführen der Debatte und den dringlichen Austausch mit weiteren Akteur*innen wie Jugendämtern, Kinderärzt*innen, Lehrer*innen und Politiker*innen.

Veranstaltungsbericht

 

Präsentation des Vereins Mein Körper gehört mir  

31. März 2020

Die Pandemie kennt keine Grenzen und keine Nationalitäten. Die rückständigen Kräfte, die seit Langem mehr Abschottung und Nationalismus fordern, nutzen sie jedoch für ihre populistischen Zwecke. Ihre Propaganda trifft auf eine politische Zeit, in der die Beschneidung von Grundrechten von einem großen Teil der Bevölkerung ohne Aufschrei hingenommen wird und „Zuhause bleiben“ zum gefeierten Wort der Stunde wird. Aber: Zuhause bleiben ist ein Privileg. Tausende von Menschen werden gezwungen, in Lagern zu leben, weil sie ihr Zuhause aufgrund von Krieg oder Verfolgung verloren haben. Andere müssen weiterhin in unterbezahlten und risikoreichen Bereichen schuften, um die Grundversorgung der Bevölkerung und der eigenen Familie zu ermöglichen.

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20. März 2020

„Die Maßnahmen der Politik zur Eindämmung von COVID-19 offenbaren einmal mehr, wie in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß gemessen wird“, so Dr. Delal Atmaca, Geschäftsführerin von DaMigra e.V. „Während auf der einen Seite zu sozialer Distanzierung und eingeschränkter Mobilität aufgerufen wird, werden Abschiebungen nach Afghanistan durchgeführt und geflüchtete Menschen in Lagern gezwungen, auf engstem Raum zusammenzuleben. Die Bundesregierung muss agieren, und endlich eine menschenwürdige dezentrale Unterbringung ermöglichen.“

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19. März 2020

Wir mit müssen mit denen solidarisch sein, die von der Coronavirus-Krise am stärksten betroffen sind. Das sind schwache, kranke und ältere Menschen und die Menschen, die zum Teil seit Jahren an den Außengrenzen in Erstaufnahmelagern unter unzumutbaren Bedingungen festsitzen. Diese Menschen sind oft durch die menschenunwürdigen Bedingungen ohnehin geschwächt. Diese Menschen können keinen Abstand untereinander halten, weil die Lager überfüllt sind. Diese Menschen können keine Hygienemaßnahmen für sich umsetzen, weil die Lager nicht ausreichend mit sanitären Anlagen ausgestattet sind. Diese Menschen haben wenige bis keine Informationen, wie sie sich schützen können. Für die von der Maßnahme betroffenen Menschen, darunter zahlreiche Frauen* und Kinder, ist die Aussetzung der humanitären Aufnahme katastrophal, die Folgen sind kaum absehbar. Wenn wir die Welt zu einer Festung machen und diese Menschen nicht mitnehmen, haben wir alle als Menschen versagt.

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